Vom Verschwinden
(Im Katalog zur Ausstellung "Spiegelbilder)

Die Kunst von Jürgen Palmer lässt sich nicht greifen. Sie mäandert durch verschiedene Stile und durchtaucht die Diskurslandschaften der unterschiedlichsten Medien. Sie unterlässt es tunlichst, den Betrachter an ihre Brust zu drücken, ja auch nur Indizien ihres Bezugssystems an ihrer Oberfläche erscheinen zu lassen. Sie hält sich im wahrsten Sinne des Wortes bedeckt mit ihrer durchweg gedeckten Farbigkeit, einer rätselhaften Chiffrehaftigkeit und vor allen Dingen mit einer Stille, die es heutzutage erst einmal auszuhalten gilt.

Das Frühwerk dem späteren Werk (von Spätwerk kann hoffentlich noch nicht die Rede sein) gegenüberzustellen wie in der Ausstellung Spiegelbilder, ist in soweit erhellend, als dass sich dieser Umstand der Inversion, also des nach innen Strahlens statt nach außen, durch sämtlich Schaffensphasen ziehend zeigt – ebenso wie die mediale Unbehaustheit.

Man kann also sagen, dass sich die Kunst (und der Künstler) ausgesprochen fluide verhalten, nicht Haken schlagend getrieben, sondern wie Quecksilber in slow motion auch noch in die kleinsten Ritzen der bröckelnden Genregrenzen dringend.

Was aber hält nun das Oeuvre von Jürgen Palmer zusammen? Warum zerfällt nicht alles in Fragmente heilloser Beliebigkeit?

Weil die Werke die Aura einer größeren Ordnung verströmen, die dem Betrachter das Gefühl geben, beständig kurz vor dem Verstehen zu stehen. Tatsächlich, und das ist ebenso sehr die Crux wie das famos Radikale dieses Werks, gibt es keine übergeordnete Lesart, keine vom Künstler intendierte Lösung, keine wohlfeile Erlösung. Einzelne Attribute können sicherlich als bezeichnend – geradezu charakteristisch – angesehen werden: die Lautlosigkeit, das Nachdenkliche, diese mehrfach gebrochene, man könnte auch sagen melancholische Heiterkeit. Sie bilden das Gerüst.

Bleibt die Frage nach dem Fundament.

Der innere Zusammenhalt resultiert für mich aus einer Approximation der Werke an das Ungefähre. Das macht Jürgen Palmer zu einem Handwerker des Ungefähren, wobei das Ungefähre einen philosophischen Wert markiert, der sich, man findet den Gedankengang andeutungsweise in Hegels Vorrede zur Phänomenologie des Geistes, gegen das Absolute verwahrt. Die allgemeine Vorstellung, unser Wissen... Hand aufs Herz, mehr als ungefähr kommen wir an eine erlösende Wahrheit einfach nicht heran. Im Bilderkosmos Jürgen Palmers manifestiert sich also eine Art Unschärferelation. In jedem Bild schwingt immer auch ein Skeptizismus mit gegen das, was eben ist. Der Künstler als Handwerker hingegen baut die Gebäude seiner Gedanken und bleibt der Präzision (in diesem Fall der Präzision des Imperfekten) verhaftet. Diesen inneren Widerspruch aufzulösen ist nicht Jürgen Palmers Sache, eher noch wird diese Unmöglichkeit im Werk als durchaus möglich determiniert.

Als Beispiel mag das Objekt „Disko“ dienen. Es firmiert hier nicht als schillerndes Gestirn am Partyhimmel. Es baumelt bauchseits, die Aufhängung lässt immense Erdenschwere vermuten. Jämmerlich ist seine Zerbeultheit, die entwürdigende Situation meistert es aber mit größter Grandezza.

Das Erstaunliche: Die Discokugel in ihrem natürlichen Habitat ist ähnlich einer Fotografie im Grunde unsichtbar. Man sieht den Lichteffekt wie man das Abgebildete sieht, die Quellen erscheinen per se körperlos. Hier, durch Hängung und, nun ja Abgewracktheit, bekommt das Objekt etwas Somatisches. Zudem, es ist nicht rund, ergo gar keine Kugel, und bei näherer Betrachtung formieren sich die Spiegelsteinchen nicht zu einer regelmäßigen Oberfläche, sondern präsentieren sich zwanglos schief. Klebereste verunzieren das Objekt, die Erzählung schaltet um von Glamour zu Fehlerhaftigkeit, zur Frage der Gemachtheit. Der Zauber ist entzaubert und bleibt doch magisch, mindestens aber magnetisch. Man muss stehen und staunen.

Jürgen Palmer misst dem Unvollkommenen ohnehin einen großen Wert bei. Er feiert all die Verunreinigungen des in Perfektion Erwarteten, die Unsauberkeiten und Korrekturen, und bietet ihnen eine künstlerische Bühne. Im Makel nimmt das Finden und Suchen der Form Gestalt an, im Makel manifestiert sich die Idee. Der Makel macht den Menschen zum Mensch und in diesem Fall die Kunst zur Kunst.

Sei es bei den Punktebildern, den Schleifen, den Porträts: Zarte Übermalungen zeugen vom Prozess ihrer Entstehung.

Im Fall des Kugelobjekts öffnet sich gar eine politische Dimension: Man mag das eigenhändige Kleben von 13.000 Spiegelsteinen kontemplativ finden. Oder stupide. Ein DIY-Hipster würde kaum an das große Fass von Karl Marx’ Entfremdung der Arbeit anklopfen. Eine chinesische Näherin wohl schweigen. Palmers kritischer Geist jedenfalls manifestiert sich diametral zur poetischen Erscheinung seiner Werke, wenn man die Kunst entkorkt.

Ist also aller Glanz nur Camouflage? Ganz so einfach ist es nicht. Denn das Objekt schillert durchaus. Zumal an den gedanklichen Rändern der Charakterkugel immer auch das kommerzielle Original herumgeistert, die beiden Bilder von Wunsch und Wirklichkeit sich gar zu überlagern drohen. Das ist schönster poetischer Relativismus. Die Antwort liegt allein in unserem Verhältnis zur Welt. Den Spiegeln ist es geschuldet, dass diese Welt als Kontext ebenfalls Einzug hält ins Werk. Denn sie brechen den Galerieraum gewaltlos in Stücke, reflektieren Fragmente und Facetten, der Verkaufsraum wird zum brüchigen Kaleidoskop im Unrund der Kugel. Ach, Wirklichkeit, kannst Du Dir nicht einig werden?

Den Galerieraum thematisiert Palmer auch filmisch. Ein Porträt des Galeristen als nachdenklicher Mann, das Vergehen der Zeit im leeren Raum für Kunst. Die Filme sind trotz ihrer habituellen Leichtigkeit verstörend existenziell. Vielleicht, weil Ihnen, wie im Grunde allen Werken von Jürgen Palmer, etwas Entmaterialisierendes zu eigen ist. Sinn löst sich auf, das Leben verflüchtigt sich, die Zeit zerrinnt. Palmers Bilder sind Emanationen des Verschwindens. Seine gestische Malerei entzieht sich dem Gestus, der Maulwurf droht in der Erde zu versinken, das Material seiner unbunten Filme ist Staub, ihre Bewegung indes gerinnt zum Stillstand, womit das Filmische am Medium Film sich langsam zu zersetzen beginnt. Die Malerei selbst verschwindet hinter Texten und das Motiv hat sich schon längst davongemacht. Was bleibt ist ein QR-Code und dahinter virtuell ein toter Dichter in der Hosentasche (auf dem Smartphone). Selbst die Punkte bringen es nicht auf den Punkt, sondern bilden munter Mikrostrukturen und nicht zuletzt droht die Discokugel hinter einer Schicht aus Vorstellung und Versehrtheit zu verschwinden, obwohl erst diese Patina der Sehgewohnheiten sie als Werk überhaupt hervorbringt.

Außen l´art pour l´art, innen Welthaltigkeit – es gibt einfach keine Conclusio für Palmers Kunst. Es ist – und man wünschte, dass mehr Menschen diese einzige absolute Wahrheit der Welt anerkennen würden – es ist einfach kompliziert.

Vivien Sigmund

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