Das verschwinden der Musik – einige Bemerkungen zu Jürgen Palmers Klangwanderungen
__ von Hans-Peter Jahn (2010)


__ Was der Musik eignet, wird in Jürgen Palmers Klangwanderungen zusammengepresst. Im Komprimierten verschwindet Ausdruck, Kontrast, Kontur, Expressivität, Emotion, Kompositorisches. Man könnte von einer Eliminierung der Musik sprechen, spräche nicht aus den langen und reale Situationen wiedergebenden Klängen eine erfahrende oder erfahrene Welt. Nichtmusik wird Netzhautmusik. Beim Vielmalhören dieser Klangwelt wird Welt des Bedeutungslosen zur Welt des Lichtspiels. Vielleicht ist es gerade die Handschrift Jürgen Palmers, aus der nichtkompositorischen Perspektive der Musik ein inszeniertes Klanggeschehen zu machen, das sich aus dem umherschweifenden, oftmals sich schließenden Auge ergibt. Ein hörendes Auge, das sensibel, ja hochempfindlich Ferne und Nähe zusammenführt.
__ Anstelle von Ausdruck wird Eindruck wirksam, anstelle von Kontrast Wechsel von Raumrealitäten, anstelle von Kontur Risse, also Aufgebröseltes unterschiedlicher Hintergründe (wenn es das innerhalb der Klangphalanx von Vordergrund zu Hintergrund in der Mehrzahl gibt), anstelle von Expressivität Überraschungen innerhalb der Wechsel der „musique concrète“ oder in der Verrätselung und allmählichen Enträtselung bekannter Alltagsklangsituationen wie Schritte, Baustellen, Wasser, Wind, Wald, Kirche, Verkehr und schließlich anstelle von Emotion Dokumentation mit der einzigartigen Prise Komik, die allen Arbeiten Jürgen Palmers innewohnt (heitere Selbstbeobachtung beim Beobachten, Mittel zur Distanz).

__ Ferne und Nähe im Gleichzeitigen, Zeitverlauf als endelose Klangwand, die in die Zeit ihre zerschundene Oberfläche schmirgelt. Herausoperiertes Tempo, in welchem die sprechenden Stimmen als Dokumentatoren (als Einsammler sowohl wissenswerter als auch banaler Umwelt/feld-Beobachtungen) Realzeit beanspruchen, so dass diese beiden Klangschienen einander überholen, sich ausspielen, erlöschen oder irritieren. Traumatische Momente, die keine Angst, eher Friede einflössen. Antimusik, weil die Klänge Bedeutung besitzen, weil sie entschlüsselbar sprechen, wenn man ihr Sprechzentrum identifiziert hat. Nicht Komponiertes, sondern Kombiniertes (detektivisch enttarnt).

__ Ruhe, Ruhe, Ruhe. Niemals theatralisch oder kontemplativ. Selbst wenn im Hintergrund die Industrie der orgelnden Kirche das Metrum verfälscht, schwingt niemals religiös oder fromm das Zepter der Konfessionen. Immer Kommentar, der sich jedem Urteil verweigert. Im Schreiten durch die Arenen des Gesellschaftlichen, durch die Biegungen der Natur wird das zu Hörende zum Weltorchester. Ohne dass je einmal einer der Weltmusiker gestolpert wäre. Die Unheimlichkeit der Harmonie, die Jürgen Palmer mit jener verwirrenden Melancholie inszeniert, erinnert an Heimatlichkeit. Keine aber, die es innerhalb dieser inszenierten Welt gibt. Das ist der Trick. Das ist seine Transzendenz... mit Humor.

(Hans-Peter Jahn war bei Entstehung des Textes Chefredakteur der Abteilung Neue Musik beim SWR Stuttgart und verantwortlich für das Festival ECLAT. Der Text entstand anlässlich einer Sendung des SWR über die Entstehung von "schwerin.blindstudie".)

Zurück