evacuating media - Jürgen Palmer als Medienkünstler
__ von Holger Lund (2003)


»Das Medium ist der Schutz und Schirm, den der Mensch braucht, um nicht unmittelbar zu werden. Dann ist er nämlich tot.«
Karl-Josef Pazzini, 1999

__ Was ist ein Medienkünstler? Zunächst jemand, der mit Medien zu ästhetischen Zwecken umgeht. Und es ist zudem jemand, der diesen Umgang erkennbar auf die benutzten Medien hin reflektiert. Ein Medienkünstler, so könnte man formulieren, denkt in ästhetischen Arbeiten nach über Medien und Medialität, mithin über die spezifischen Eigenschaften medialer Strukturen.

__ Der Begriff ‘Medienkünstler’ hat sich etabliert im Zusammenhang mit den digitalen Neuen Medien, und zwar so sehr, dass als ‘Medienkünstler’ gilt, wer zu ästhetischen Zwecken mit besagten Neuen Medien umgeht. Ob dies dann stets mit einem Bewusstsein über Medialität, die Eigenschaften medialer Strukturen reflektierend, verbunden gewesen ist, dürfte bei der Begriffsverwendung nicht zwangsläufig eine Rolle gespielt haben.

__ Im Gegenzug hat es im kunstwissenschaftlichen Diskurs recht bald kritische Bestrebungen gegeben, welche den Begriff ‘Medienkünstler’ gleichsam zu evakuieren versuchten, indem sie ihn herausnahmen aus der verengenden Sichtweise auf die Neuen Medien. Stattdessen wurde versucht, einen spezifischen Medienumgang generell in den Blick zu bekommen, gleichviel, ob analoge oder digitale Medien Einsatz finden. Unterstützt wurden diese Bestrebungen nicht zuletzt vom Niedergang der New Economy, welcher die Neuen Medien zugerechnet werden. Nachdem der hype um die Neuen Medien verblasst war, konnte eine kritische Auseinandersetzung mit dem ‘Medienkünstler’ stattfinden. Dabei zeigt sich, dass der ‘Medienkünstler’ in die Frühe Neuzeit zurückverortet werden kann.

__ Der Prozess einer intensiv medienbewussten und medienreflektierenden Vorgehensweise begann mit dem Herauslösen der Künste aus dem Kanon der artes liberales, der Konstituierung des Künstlerindividuums, der Institutionalisierung der künstlerischen Ausbildung und der Theoriebildung in den einzelnen medialen Gattungen wie Malerei, Skulptur und Architektur. Vor allem jedoch mit dem paragone, dem Wettstreit der medialen Gattungen untereinander. Künstlerische Spezialisierung einerseits und die Idee des uomo universale andererseits sind dabei gleichsam zwei Seiten dieses Prozesses.

__ Mit avantgardistischen Positionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts und den historischen Avantgarden 20. Jahrhunderts wurde schließlich der media turn vollzogen, dessen theoretisches Kondensat McLuhans »the medium is the message« darstellt.

__ In den folgenden Ausführungen zu den Arbeiten Jürgen Palmers bezieht sich der Begriff ‘Medienkünstler’, dem begriffskritischen Ansatz folgend, auf die Arbeiten mit analogen und mit digitalen Medien. Er bezieht sich jedoch auch auf die Gesamtheit seiner Arbeiten, nicht alleine auf die ästhetischen. Denn Palmer deckt mit seinen künstlerischen Arbeiten nicht nur ein außergewöhnlich breites mediales Spektrum ab. Er fügt ihm sowohl medientheoretische Überlegungen im Rahmen seiner kunstvermittelnden Aktivitäten hinzu als auch angewandte Medienarbeit im Rahmen von Grafik- und Webdesign.

__ Im Unterschied zu letzterer, bei welcher der Medieneinsatz vorrangig funktional orientiert ist, kommt bei den ästhetischen Arbeiten Palmers ein Phänomen zum Tragen, das im Titel dieser Ausführungen mit »evacuating media« bezeichnet worden ist, anspielend auf McLuhans Text »Understanding Media« (1964). Anders als McLuhans medienhistorischer Ansatz, der mehr oder minder in einer Teleologie des Fernsehens mündet, zeichnet Palmer eine tiefgreifende Medienskepsis aus, sowohl bei seinen ästhetischen als auch seinen kunstvermittelnden Aktivitäten. Was sich innerhalb letzterer als medienkritische Überlegungen offenbart, manifestiert sich bei seinen ästhetischen Aktivitäten zumeist als ein Evakuieren von Medien oder medialen Strukturen in jeweils andere Medien hinein – so, als traute er den etablierten Medien, ihren Strukturen und ihren standardisierten Parametern nicht; so auch, als befänden sich diese in der Not drohender Erstarrung und müssten hinwegtransportiert werden, um ästhetische Lebendigkeit zu gewinnen.

__ Oft geht es bei Palmers ästhetischen Aktivitäten also weniger um einen unkonventionellen Medienmix, als vielmehr um ein Übertragen von Medien oder medialen Strukturen in andere Medien. Fotografische oder zeichnerische Strukturen werden beispielsweise in den Videofilm transferiert, Fotografien, Filmstills oder auch graphische und textuelle Elemente in die Malerei, Filmstills, Malereien und Zeichnungen wiederum in die Fotografie, aber auch Fotografien in die Zeichnung. Dieses Vorgehen kann zu medialen Palimpsesten führen, bei denen beispielsweise ein Foto in eine Zeichnung oder eine Gemälde integriert und dabei partiell oder vollständig überzeichnet oder übermalt wird. Schließlich findet sich besagtes Vorgehen auch bei seinen kunstvermittelnden Aktivitäten wieder: Filmelemente etwa werden ins Radio transferiert (siehe »Der Ton macht den Film«).

__ Meist handelt es sich allerdings nicht um eine schlicht collagierende Übernahme von einem Medium in ein anderes. Zwischenschritte in Zwischenmedien werden eingelegt oder ein Ausgangsmedium wird im Folgemedium be- und verarbeitet. Bisweilen können sich dabei komplexe mediale Transferketten bilden: Eine Fotoserie etwa simuliert Filmstills: gefilmt wurde zunächst eine potentielle Film-Situation, allerdings nur in einer fixen Einstellung. Dieser Videofilm wurde dann über einen Monitor abgespielt, von dem Quasi-Filmstills abfotografiert wurden. Solchermaßen wurden die inszenierten Fotografien erst durch Videofilm und Monitor geschleust und dabei medial angereichert – technisch und geistig. Sie bekommen auf diese Weise die dubiose Authentizität des Fernsehens verliehen. Und damit jenes Oberflächenraster des Oszillierens zwischen Realität und Fiktion, das nicht nur ihren Status in Frage stellt, sondern auch die Frage nach einer sequentiellen Einbettung, nach dem ‘Davor’ und ‘Danach’, auf dringliche Weise hervorruft.

__ Die Arbeiten, die auf dem Prinzip des »evacuating media« beruhen, finden sich vorzugsweise bei Film, Foto und Malerei, ferner bei Theater und Performance, die an sich bereits in der Regel mehrere Medien kombinieren und daher Medientransfers begünstigen. Nicht alle ästhetischen Arbeiten Palmers haben also mit dem Prinzip des »evacuating media« zu tun, gleichwohl gibt es eine starke Tendenz zu dessen Einsatz. Thematisch gesehen ist die Medienreflexion, wie sie stattfindet mit dem Prinzip des »evacuating media« oder medienreflexiven Motivkomplexen wie etwa dem Auge (»Portrait 3.1«), der Kamera (»Klebstoff«) oder den Filmabspielgeräuschen (»Abgesang«), Teil eines größeren thematischen Spektrums. Dieses umfasst zuvorderst ein Grundinteresse an der Darstellung des Menschen im Porträt. Hinzu kommen ein Grundinteresse an der menschlichen Figur - das sich fast schon leitmotivisch in Fragmentierungen (Hände und Torsi) offenbart – und ein Grundinteresse an Gegenständen, genauer an ihrer formalen Definition, gleichviel, ob sie dabei piktogrammhaft realen Objekten entsprechen oder nicht. Formen können also unterschiedliche Grade und Zustände von Gegenständlichkeit annehmen. Darüber hinaus greift Palmer in seinen ästhetischen und kunstvermittelnden Aktivitäten ein Thema auf, das Künstler vor allem seit der zunehmenden Autonomisierung der Kunst um 1800 umtreibt. In deren Folge ist der gesellschaftliche Status des Künstlers problematisch geworden. Die Reflexion über den Künstler selbst, seinen Status und seine Definition (»Bankett«, »Durch den Spiegel«, »F wie Fälschung«) steht daher auch immer wieder im Fokus von Palmers Denken.

__ Die thematische Durchführung ereignet sich bei seinen Bildarbeiten häufig in der Form der Serie. Sie bietet nicht nur die Möglichkeit, ein künstlerisches Problem von verschiedenen Seiten aus anzugehen, sondern verweist in der Reihung prinzipiell gleichwertiger ästhetischer Lösungen auch auf die Prozesshaftigkeit künstlerischen Agierens. Genau jene Prozesshaftigkeit, welche die Negation einer definitiven, am Absoluten ausgerichteten Kunstauffassung bedeutet und damit auch genau jener Impuls, welcher Jürgen Palmer permanent Antrieb zu ästhetischen Aktivitäten verleiht.

__ Eine Entsprechung zur Serie bildet im filmischen Bereich der Loop (z.B. »Circle«, 1992), die Verlangsamung und/oder die Variationen aus dem gleichen Drehmaterial (z.B. die »Portrait«-Reihe, ab 2001). Die wiederholende Reihung des Gleichen oder die gemäldehafte Dauer der Bildes erlaubt es dem Künstler nun zwar nicht, ein Problem von verschiedenen Seiten anzugehen, dafür jedoch dem Betrachter, am Gleichen neue Facetten zu entdecken. Die Prozesshaftigkeit wird dabei auf den Betrachter verlagert, solcherart wiederum die künstlerische Arbeit als definitive und absolute negierend. Die Frage nach den Implikationen des »evacuating media« ist, so scheint es, eng verbunden mit dem Begriff des Medienkünstlers. Gemäß den eingangs vorgebrachten Überlegungen ist dieser Begriff – besonders berechtigt bei einem Künstler wie Jürgen Palmer – auch auf die analog-autographische Arbeit mit Alten Medien auszudehnen. Der Medienkünstler im vollen Wortsinne scheint jedoch im herkömmlichen Kunstbetrieb – sei es im akademischen, kunstkritischen oder kommerziellen Bereich – so (noch) nicht vorgesehen zu sein. Viel zu diversifiziert und zu spezialisiert sind die jeweiligen Kategorien und Abläufe, was dazu führt, dass veritable Medienkünstler wie Palmer chronisch mediale Außenseiter bleiben. Als solcher »Außenseiter«, wird er dann auch von der Kritik wahrgenommen. Schon im akademischen Bereich prophezeite ihm sein erster Professor aufgrund seiner medialen Unruhe und Inkonstanz keinen leichten Stand und versuchte, ihn zur Konzentration zu verleiten. Palmers Interesse an verschiedenen Medien und an – scheinbar – medial Disparatem, vom ihm selbst als ein oszillierendes »Hängen in Unvereinbarkeit« empfunden, ist jedoch, positiv gewendet, genau jene seltene Voraussetzung und Medientugend, die ihn tatsächlich zu einem uomo mediale werden lässt. Denn Palmers Vorgehensweise bietet den Vorzug medialer Entdeckungen und Inventionen, jenseits vordefinierter und manchmal auch erstarrter medialer Gattungen und Vorgehensweisen. Positiv gewendet ist das »evacuating media« nichts anderes als eine Basis für innovative Leistungen jenseits medialer Gattungsstandards. Grundlage für Palmers oszillierendes »Hängen in Unvereinbarkeit« scheint jedoch nicht allein sein Interesse an verschiedenen Medien zu sein, sondern darüber hinaus – wie bereits angedeutet – eine tiefgreifende Medienskepsis. Diese zeigt sich deutlich in Palmers Haltung zur Frage der Reproduktion: Über mehrere Jahre hinweg verweigerte Palmer die Reproduktion seiner Arbeiten, insbesondere diejenige seiner Bildarbeiten. Allenfalls verfremdete Abbildungen ließ er zu, solchermaßen auch bei Dokumentationszwecken ein »evacuating media« betreibend: Eine gemaltes Bild wird dann zu einem Element einer neuen, eigenständigen Fotoarbeit, die jedoch wiederum nicht konventionell geprintet wird, sondern lediglich als pixelhaltiger Inkjet-Ausdruck veröffentlicht wird. Als gezielte Bildverknappung ist die Reproduktionsverweigerung motiviert von Überlegungen Walter Benjamins. In seinem Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (1936/1963) bescheinigt Benjamin dem Kunstwerk aufgrund seiner bilderflutartigen Vervielfältigung einen essentiellen Auraverlust. Um diesen zu vermeiden, gleichsam zum Schutz seiner Bildarbeiten, verzichtete Palmer jahrelang auf herkömmliche Abbildungsprozeduren. Dass er sie inzwischen wieder zulässt und nutzt, ist eine kommunikative Entscheidung: ohne möglichst detailgenaue Abbildungen lässt sich nur schwer kommunizieren, was ästhetisch geleistet worden ist, zumal dann, wenn Bildarbeiten den Weg zu Privatsammlern gefunden haben, die räumlich verstreut angesiedelt sind.

__ Der Begriff der Aura, fast schon durch Abnutzung in kommerziell-esoterischen Kontexten entwertet, ist im Sinne Benjamins für Palmers Arbeiten jedoch ein wesentlicher. Die Bildverknappung hin zum Unikat, die Palmer mit seiner Reproduktionsverweigerung anstrebte, korrespondiert mit formalen Bildverfahren, die er sowohl im Bereich der Kunst als auch des Designs anwendet: Verdichtung, Reduktion, Konzentration. Diese Verfahren begünstigen und befördern im ästhetischen Bereich, zunächst besonders eindrücklich bei den analog-autographischen Arbeiten, die Wahrnehmung einer Aura im Sinne einer intensiven Bildwirkung. Diese beruht auf hoher Bildenergie, Bildechtheit und Bildeinmaligkeit. Die gleichen Verfahren liegen jedoch auch den digitalen oder analog-digitalen Arbeiten zugrunde, bei denen reproduktive Prozesse integriert sein können oder potentiell integrierbar sind. Sie erzeugen eine gleich gelagerte intensive Wirkung. Dies geschieht nicht selten in Verbindung mit dem Prinzip des »evacuating media«, das neue, singuläre mediale Realisierungen ermöglicht. Dass ausgerechnet für Palmers medienkünstlerische Arbeiten, die auch digitale Neue Medien umfangreich einbeziehen, der Begriff der Aura eine Relevanz besitzen soll, mag vorderhand verwundern – hat Benjamin diesen Begriff doch an das unreproduzierbare analog-autographische Kunstwerk gebunden. Doch in den neuartigen medialen Reibungen, Brüchen und Verlötungen, die das »evacuating media« mit sich bringen kann, liegen die auratischen Möglichkeiten des Singulären. Ihnen verdanken Palmers Arbeiten nicht selten ihre besondere Bedeutung.

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