Black Box

Die Camera obscura ist eine dunkle Kammer mit einem kleinen Loch in der Wand. Im Inneren bildet sich ihm gegenüber die helle Außenwelt ab. Sie ist das vereinfachte Modell für das Auge, der Vorläufer der Fotokamera und das bevorzugte Werkzeug von Caro Krebietke. Ihre Lochkameras – präparierte Getränkedosen, Streichholzschachteln oder koffergroße Kartons – haben den Charme des Simplen und Rudimentären und die eingefangenen Bilder eine poetisch-malerische, ja geisterhafte Ästhetik.

In der Vorstellung der alten Ägypter lösten sich von den sichtbaren Dingen Hüllen ab, wanderten durch den Raum und drangen ins Auge ein. Damit die Hülle eines Berges ins Auge passte, musste sie auf dem weiten Weg schrumpfen. Deshalb also sah ein Berg aus der Ferne so klein aus.
Für die Griechen der Antike wurde ein Gegenstand sichtbar, wenn sich darauf der aus dem Auge schießende Sehstrahl mit dem Sonnenstrahl vereinte.
Später wurde der Augapfel aufgeschnitten, wurden Glaskörper, Pupille, Linse und Netzhaut entdeckt, Zapfen und Stäbchen auf der Netzhaut gezählt, der Nervenstrang freigelegt und das primäre und sekundäre optische Feld im Gehirn kartografiert.

Mit der wissenschaftlichen Ernüchterung des Sehens gingen in der Neuzeit die Versuche einher, das Gesehene festzuhalten.

Die Entwicklung der Fotografie und ihrer Apparate von den ersten Holzkästen bis zum Hochleistungsinstrument im Kleinstformat ist enorm und enthält das Wissen über Anatomie, Chemie, Physik und Informatik.
Je benutzerfreundlicher die Apparate wurden, je getreuer die Bilder und je kürzer die Zeiten bis zu ihrem Erscheinen – heute quasi keine Zeit mehr –, umso weniger musste man sich der Komplexität erinnern, die dem Sehen und der Fotografie zugrunde liegen.
Im Social Media-Zeitalter produzieren Aber-Millionen von Menschen Aber-Milliarden von Bildern, ohne sich im Geringsten um die Geheimnisse des Sehens und des fotografischen Prozesses zu scheren.

Den Behältnissen und den Fotobildern Caro Krebietkes haftet auch diese Geschichte vom Verstehen und Nichtverstehen des Sehens und Fotografierens an. Mit theatralischer Gebärde wird das Fehlerhafte, Zufällige und Unterentwickelte in Stellung gebracht gegen den technologischen Paradiesgarten, in dem User und Konsumenten bei Laune gehalten werden.
Die Fotohütte ist aus Pappen gebaut, wie sie die Obdachlosen in Rom des abends hinter sich herschleifen, auf der Suche nach einer Niesche im Mauerwerk, wo sie den einen oder anderen Touristenschnappschuss beflecken.

In der Hütte steht das Bild auf dem Kopf – wie es auch auf unserer Netzhaut auf dem Kopf steht –, geisterhaft schwebend im okkulten Raum zwischen dem Sehen und dem Verstehen. Es könnte daran erinnern, dass unser Gehirn die Netzhautbilder auf die Füße stellt und dass wir nie richtig zu sehen gelernt hätten, wären uns in den ersten Lebensjahren die Augen verbunden gewesen.
Die Unschärfe und die Flecken auf den Fotopapieren erinnern an die ersten Heliografien aus den Zwanzigern des 19. Jahrhunderts, sie gemahnen aber auch an die Verletzlichkeit des Sehens, an Eiweißverklumpungen im Glaskörper, die Schattenflecken auf die Netzhaut werfen, an Netzhautablösungen und fortschreitende Erblindung.

Auch die Bilder mit ihren „Drei Wort-Titeln“ haben einen schwankenden Boden. Die absurde, fast konkret-poetische Benennung ist nichts anderes, als eine Standortangabe. Man hat die Erdoberfläche in 57 Trillion Quadrate von drei mal drei Metern geteilt und jedes davon durch eine Kombination aus drei Worten adressiert. Auf das Quadrat „wiegt.vorwarnung.bedürfnissen“ könnte man auch einen Raketenschuss programmieren.

Caro Krebietkes Arbeit ist trotz der Verwendung veralteter Technik nicht atavistisch oder nostalgisch, sondern bricht das gegenwärtige WAS an dem vergangenen WIE. Die Künstlerin scheut keineswegs moderne Technik, sondern benutzt sie zum Beispiel als Übertragungsmedium zwischen der Camera Obscura und einem Ausdruck auf Papier.

Alle Arbeiten sind für diese Ausstellung und mit Bezug auf diesen Ort gemacht worden (oder werden noch gemacht). Alle, bis auf eine – und die ist leicht zu erkennen, denn sie spricht nicht deutsch.

Übrigens: Jedes Bild der Ausstellung ist und bleibt ein Unikat.

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